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Chilehilfe
Manfred Hanglberger
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Unter "Statements" veröffentliche ich von Zeit zu Zeit Kurzkommentare, Stellungnahmen, "Notizen am Rand". Sie greifen aktuelle herausfordernde Themen auf und sind als Impulse zum Nachdenken und zu neuem Handeln gedacht. 

 

Kirche in der Welt von heute?

Der folgende Beitrag nimmt Bezug auf ein sonderbares Zusammentreffen zweier Ereignisse, die mehr als zehn Jahre zurückliegen, die mir immer noch nachgehen und die den Bruch zwischen kirchlicher Verkündigung und dem, was in der Welt von heute los ist, eindrucksvoll dokumentieren.

Grundszene                                                                                                                                                                                              

Ort: Freiburg im Breisgau, Tagungszentren Karlsbau und Stadthotel Kolping                                                                                       Zeit: 21.-23.11.2002                                                                                                                                                                     Veranstaltung: Internationales therapeutisches Symposion „Die entdeckte Wirklichkeit“

Etwa 600 Therapeutinnen und Therapeuten sowie Fachleute aus verwandten Berufen beschäftigen sich drei Tage lang mit der Realität Mensch. Drei Tage lang geht es um Schicksale und Schuld, um Ursachenforschung und moderne Heilmethoden, um Prävention und therapeutische Intervention und um vieles andere mehr. Drei Tage lang das Erleben einer von großem mitmenschlichen Respekt getragenen Sensibilität für die Dramen und Bürden, für den Mut und die Tapferkeit, für die Hoffnungen und Niederlagen, für die feinen Fäden eines versuchten Neuanfangs bei den verschiedensten Klientinnen und Klienten, die sich in dieses Symposion einbrachten.                                                                                                                                                             Ein Teil des Programms ist auch „dem Bösen“ und „den Bösen“ gewidmet. Da überraschte der Vortrag über „Die Liebe der bösen Kinder“. Da begeisterte eine Kinder- und Jugendpsychologin mit der Darstellung ihrer Aussöhnungsarbeit zwischen einer sexuell missbrauchten Tochter und ihrem „bösen“ Vater. Ein Professor einer kirchlichen Hochschule führte sehr differenziert zu den vielfachen Hintergründen und Wurzeln des „Bösen“ hin. Therapiemodelle für süchtiges Verhalten wurden ausgetauscht. Und immer wieder ging es um die Spätfolgen der nationalsozialistischen Zeit mit ihrer vielschichtigen Täter- und Opferproblematik.

Beglückt und erschöpft verließ ich am 23.11. gegen 17 Uhr das Symposion, um am nächsten Tag die Heimreise anzutreten. Auf meinem Zeitplan stand nur noch der Besuch der Abendmesse im Freiburger Münster.

Szenenwechsel                                                                                                                                                                                  

Ort: Freiburg im Breisgau, Freiburger Münster                                                                                                                                    Zeit: 23.11.2002, 18.30 Uhr                                                                                                                                                   Veranstaltung: Vorabendmesse zum letzten Sonntag im Kirchenjahr

Ungefähr 300 Gläubige finden sich zum Gottesdienst ein. Die Atmosphäre, die sie und das herrliche Münster in dieser Abendstunde vermitteln, tut gut. Ich fühle mich wohl, auch wenn ich niemanden kenne (Teilnehmer des Symposions entdecke ich leider – oder Gott sei Dank – nicht).

Nach der freundlichen Eröffnung des Gottesdienstes kommt allerdings bald der Schrecken. Ich ärgere mich, dass ich da bin. Ich hätte es ja eigentlich wissen müssen. Denn bei diesemGottesdienst gibt - wie immer wieder zu dieser Zeit – Matthäus 25,31-46 den Ton an. Dabei geht es um diese böse Geschichte vom Weltgericht mit jener gnadenlosen Endabrechnung, die ihresgleichen sucht: „Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist“. Am besten wäre ich gegangen.

Meine Reaktion und der anregende Schluß

Ich schalte ab. Kein Prediger könnte mich jetzt erreichen. Ich mache mir wieder einmal meine eigene Predigt. Meine Gedanken gehen zu den „Bösen“ der letzten Tage und sie gehen zu den „Bösen“ unter meinen Klientinnen und Klienten, zu den Frauen und Männern, die die Ehe brachen, zu den Vätern und Müttern, die ihren Kindern Schlimmes antaten, zu den erwachsenen Kindern, die ihre alten Eltern links liegen ließen, zu den Trinkern, die ihre Familie zerstörten, zu den Erben, die ihre Miterben ausbooteten, zu den Mördern, mit deren Angehörigen ich arbeitete. 

Wer sind meine „Bösen“ eigentlich? Was weiß ich über sie? Ein Therapieauftrag in einem Gefängnis hat mich sehr demütig gemacht. Mein langes Leben weiß einiges über die „Bösen“, die nie einen Hungrigen speisten, weil sie selbst voller Hunger waren, die nie einem Durstigen zu trinken gaben, weil es für sie selbst nicht reichte, die niemanden aufnahmen, weil sie selbst ohne Heimat waren, die nie ein Gefängnis besuchten, weil sie selbst saßen… Ich gestehe, diese meine Darstellung ist provokativ vereinfachend. Aber es ist viel Wahres daran. Der biblische Text ignoriert diese Wahrheit des Lebens vollständig.                       

Ich weiß später  nicht mehr, wie sich der Prediger aus der Affäre zog. Ich war erst wieder bei ihm, als er seine Predigt mit einer rabbinischen Geschichte schloss. Und diese lautete so:                                                                                                                      Ein Rabbi fragte einen gläubigen Juden: „Sag mal: Wann weicht die Nacht dem Tag? Woran erkennt man das?“ Der Angesprochene versuchte eine Antwort: „Vielleicht wenn man den ersten Lichtschimmer am Himmel sieht? Oder wenn man einen Busch schon von einem Menschen unterscheiden kann?“ „Nein“, sagte der Rabbi, „die Nacht weicht dem Tag, wenn der eine im Gesicht des anderen den Bruder erkennt. Solange das nicht der Fall ist, ist die Nacht noch in uns!“

Mein Résumé

Mein Résumé ist kurz und klar: Dann ist die Nacht dem Tag gewichen, wenn man auch die „bösen“ Texte wie Mt 21,33-46,             Mt 22,1-16, Mt 25,1-13, Mt 25, 14-30, Mt 25, 31-46 und andere ersatzlos aus der Verkündigung streicht – und vor allem aber, wenn man auch in denen auf der linken Seite seine Brüder und Schwestern erkennt. Dazu muss man sich aber vorher ihrer Bedürftigkeit und ihrem Schicksal stellen.

 

 

 

 

 

 

Appell von Lorenz Zellner an Eltern, Erzieher und alle in der Seelsorge Tätigen:

(Aus seinem Buch „Gottestherapie, Befreiung von dunklen Gottesbildern“)

 

Ich möchte die Erzieher und alle in der Seelsorge Tätigen beschwören:

Schützt die Menschen, vor allem die Kinder, vor »Gottesvergiftung«!

Kinder und einfache Menschen sind für alle Möglichkeiten auch der religiösen Verletzung offen.

Säubert die religiöse Erziehung,

die Katechese,

die Liturgie!

Prüft jede Geschichte,

jedes Gebet,

prüft das »Gottes-Angebot« der Kirche insgesamt!

 

Legt den Menschen nicht länger »Gottes-Lasten« auf!

Konfrontiert Priester und Lehrer mit den Folgen und »Früchten« ihrer Botschaften!

Schreckliches ist noch immer im Angebot der Kirchen.

Lasst euch nicht bluffen, wenn es noch so gekonnt methodisch und medial vermittelt wird!

Schaut nicht auf die Verpackung, beachtet den Inhalt!


Und die Theologen und die Verantwortlichen der Kirchen beschwöre ich:

Erzählt nichts mehr, was Gott bei den Menschen uninteressant oder verhasst macht.

Scheidet aus der Verkündigung aus, was Menschen kaputt macht,

was sie in harten Situationen lähmt,

was ihnen Angst macht und den Lebensmut raubt.

Interessiert euch endlich für die psychische Not der religiös Kranken!

 

Entgiftet die Theologie!

Sagt, wer oder was Gott ist,

aber auch, wer oder was er nicht ist!

Hört endlich mit euren Interpretationen auf!

Schaut gut hin, was dasteht!

Schreckliches ist immer noch in eurem Angebot.

Schaut hin und nehmt wahr, wie viel Furchterregendes und Angsteinflößendes im Kleid der Mythen und Sagen aus alter Zeit auch heute noch unmündigen Kindern vorgesetzt wird!

 

Auch Unwahres und »Ungefähres« verkauft ihr oft problemlos weiter.

Lasst euch also nicht mehr von alten Geschichten entmündigen und lähmen!

 

Stellt euch dem Anruf Gottes heute,

gebt eure persönlichen Erfahrungen mit Gott weiter,

erzählt neue Geschichten

und singt andere Lieder!

Stellt uns vor allem Menschen vor Augen, deren Leben Gott verkündet!


Ich sammle leidenschaftlich Geschichten, die Menschen darstellen, die auf Gott verweisen.

Eine schöne Geschichte ist diese:


»Vierzehn katholische indische Schwestern aus dem Südstaat Kerala haben in ländlicher Umgebung in Nordindien unter der armen Bevölkerung eine Poliklinik eröffnet.

Die Gegend ist zu 75% von Muslimen und zu 25% von Hindus bewohnt.

Wie sehen die Schwestern ihren missionarischen Auftrag?

Sr. Lina erzählt als Antwort einige persönliche Erlebnisse:

„Kam da zum Beispiel eine Hindufrau, ein Häufchen Reis auf einem Blatt in der Hand.

„Das ist für dich“, sagte sie schüchtern, „weil du zu uns gekommen bist.

Wir haben bis jetzt nur von einem fernen Gott gehört.

Nun haben wir dich.

Du bist der Gott, den wir sehen können  ...“«

Lorenz Zellner