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Manfred Hanglberger
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                    Nehmen statt Opfern  -  Für eine neue Kultur des Nehmens                                         

 

                                           Psychische, mentale und verbale Hygiene im Religiösen

 

 

Hingabe und Opfern als religiöses Leitmotiv

 

Als Kind ist mir über meine Kinderbibel der Hohepriester Melchisedech ein Vertrauter geworden. Ich sehe seine Gestalt heute noch vor mir. Ein großer Mann steht schnurgerade in der Mitte eines Bildes. Er hat Hände und Blick zum Himmel erhoben und bringt Gott sein Opfer dar. Eine ähnliche Haltung, äußerlich und innerlich, habe ich jahrelang praktiziert, als ich als junger Priester bei der früheren „Opferung“ in der Hl. Messe imposant wie Melchisedech die Patene mit dem Opferbrot und die Augen zum Himmel erhoben betete: „Nimm auf, heiliger Vater, allmächtiger, ewiger Gott, diese makellose Opfergabe, die ich, Dein unwürdiger Diener, Dir darbringe für meine unzähligen Sünden, Fehler und Nachlässigkeiten. Ich opfere sie auf für alle Umstehenden, für alle Christgläubigen … usw.“ Das damals noch übliche Latein gab diesem „Nimm auf“, diesem „Suscipe“, nochmals eine besondere Qualität und Würde.

 

 

Ein Konzept mit Tiefenwirkung

 

„Suscipe, sancte Pater“ war für mich ein  Konzept mit Tiefenwirkung, ein Schlüsselbegriff meiner Religiosität. Auf der Patene lag nicht nur Brot, da lag auch ich, ein Mensch, der zum Selbstopfer bereit war. Was das jedoch beinhaltete, davon hatte ich damals wenig Ahnung. Wenn ich allerdings heute das „Suscipe“ der Regensburger Domspatzen bei meiner Priesterweihe in mir nachklingen lasse, geht mir dieser Nachklang immer noch ein Stück durch und durch.

 

Bereits als junger Christ und Seminarist habe ich  dieses „Suscipe“ in mich hineingebetet und hineingesungen. Da gab es im diözesanen Gebetbuch „Magnifikat“ den Vers: „Alles hab ich zum Opfer gebracht, freudig und lauteren Herzens.“ Und da gab es das Gebet des Hl. Ignatius: „Nimm hin, o Herr, meine ganze Freiheit. Nimm an mein Gedächtnis, meinen Verstand, meinen ganzen Willen. Was ich habe und besitze, hast Du mir geschenkt. Ich gebe es Dir wieder ganz und gar zurück und überlasse alles Dir, dass Du es lenkst nach Deinem Willen. Nur Deine Liebe schenke mir mit Deiner Gnade. Dann bin ich reich genug und suche nichts weiter.“ Ganz nahe war mir auch das Gebet der CAJ: „Herr Jesus Christus, ich opfere Dir meinen Tag, meine Arbeit, meine Kämpfe, meine Freuden und Leiden…“. Und dann gab es da einen bekannten Regensburger Domprediger, der Alt und Jung mit einer Botschaft bediente, die ich oftmals in mich hineingehört habe: „Der Mensch ist soviel wert, als er Opfer bringt“.

 

 

Eine Alternative war ohne Chance

 

Eigentlich sollte man ja mit 20 gelernt haben, zu wissen und damit umgehen zu können, was man in sein mentales und psychisches System hineinzieht, welche Denk-, Vorstellungs- und Verhaltens-bahnen uns prägen, wie Sprache wirkt und was Begriffe bedeuten. Die oben erwähnte Opfer- und Hingabesprache beinhaltet in der Rückschau sowohl etwas Träumerisches als auch etwas Gewaltsames, und konkret im Zölibats- und Gehorsamsversprechen eines jungen Priesters einen träumerischer Verzicht auf eine eigene Entwicklung, auf eine Einbindung in eine Beziehung und auf ein kritisches Bedenken einer gängigen Spiritualität. Was mir damals vorgestellt wurde, habe ich nicht oder kaum befragt und bedacht. Ich habe es einfach stehen gelassen und bin der Frage nicht nachgegangen, ob mein Verzicht auch zu mir passt. Ich habe auch keine Gegenargumente zu meiner Entscheidung, ins Priesterseminar zu gehen, zur Kenntnis genommen. Einer meiner Klassenkameraden ist mir zwar im wahrsten Sinn des Wortes nachgelaufen und hat mich beschworen, von meinem Plan abzulassen. Er hatte keine Chance. Zu mächtig waren meine Erfahrungen mit meinen priesterlichen Vorbildern, mit den Pfarrern meiner Kindheit und Jugend. Zu überzeugend waren auch die Bekenntnisse von geschätzten Theologen wie etwa die des Exegeten Rudolf Schnackenburg. Zwei Sätze Schnackenburgs trafen mich sehr. Einer lautete: „Mich hat immer der Gedanke der Nachfolge und der Jüngerschaft Jesu bewegt“ und  ein anderer: „Diesem Ruf Jesu, sein Jünger zu werden, wollte ich als junger Mensch folgen, weil er mir als das Höchste erschien, wofür ich mein Leben einsetzen konnte.“ Es gab hier bereits einen gewissen festgefahrenen Denk- und Handlungszwang, das Leben für etwas Großes einzusetzen. Und familiär war ich früh geprägt von der Liebe zu meiner arbeitsüberlasteten Mutter, der ich schon früh unausgesprochen signalisierte: „Für Dich tu ich alles!“ So war es auch für meinen Heimatpfarrer nicht schwer, mich für Gott zu gewinnen, denn das Wort dieses beliebten Priesters und ein Buch machten mir deutlich: „Gott braucht Menschen!“ Mir fehlte damals einfach eine Basis der Erfahrung, eine Möglichkeit des Infragestellens, ein offener Zugang zur Realität, ein Blick hinter die Kulissen. Und vor allem ein Einblick sowohl in die äußeren als auch in die persönlichen Bedingungen meines Einsatzes.

 

 

Hingabe und Opfern als Leitmotiv von Theologie und Pastoral

 

Meine spirituellen Leitmotive habe ich nicht selbst erfunden. Ich habe sie von einer Theologie übernommen, die in meiner Jugendzeit noch kaum daran dachte, den Wirrwarr um das Phänomen und die Begrifflichkeit des Opferns, der Hingabe, des Verzichtes, des Sich-Abtötens usw. aufzugreifen, das ganze Feld wissenschaftlich zu erkunden und sich über dessen Ausstrahlung bzw. Blendung klar zu werden. Dem allgemeinen Phänomen des Opferns konnte vor dem 2. Vatikanischen Konzil noch keine alternative Sichtweise und Kultur entgegengestellt werden, bzw. die im Opfern sichtbare Verflechtung von Gewalt und Liebe sowie das Kuddelmuddel und die inneren Widersprüche der Opfertheologie konnten noch nicht umfassend und kritisch thematisiert werden. Erst allmählich getraute man sich, wahr zu nehmen und diese Wahrnehmung auch zu äußern, dass es bereits in der Bibel massive Opferkritik gab, dass aber auch das Phänomen des Opferns in der Religion Israels und somit im Umfeld Jesu eine solche Macht und Bedeutung hatte, dass auch Jesus seine Freunde und Nachfolger von diesem Verhaftetsein im Opferdenken nicht befreien konnte. Und genauso wenig getraute man sich bis vor kurzem offen zu sagen, dass auch frühe Interpreten Jesu aus dieser geistigen Haltung nicht herauskamen und Jesu Leben und Schicksal vom Opferdenken Israels her, wenn auch in einer gewissen Absetzung, deuteten bzw. missdeuteten. Schritte einer Ablösung von diesem Denkmodell, wie es etwa der Hebräerbrief versuchte, wirken heute extrem künstlich und aufgesetzt. Auch heute ist es noch ein schwieriges und delikates Thema, die vielen um das Opfer sich drehenden Daten wahrzunehmen und unter dem Gesichtspunkt mentaler und psychischer Hygiene zu bewerten.

 

 

Aufbruchstimmung

 

Neue Ansätze, Licht ins Dunkel und Logik in die Sache zu bringen, gab es in der Zeit des 2. Vatikanischen Konzils. In seiner „Einführung in das Christentum“ formulierte Joseph Ratzinger bereits 1968 klar und unmissverständlich in einem Halbsatz: „Er (Jesus) nahm den Menschen die Opfersachen aus der Hand.“ Hört man nur diesen Halbsatz, so steckt darin eine unbändige Kraft. Er klingt wie ein Befreiungsschlag. Alles Opfern, alle Zerstörung von Dingen, alles „Blut von Tieren oder was auch immer“ sind nach Ratzinger umsonst, sinnlos. Der bisherige Kult, die bisherige Tradition und die bisherige Kulttheologie Israels sind mit Jesus an ihr Ende gekommen. Der spätere Papst Benedikt XVI. spricht bereits 1968 von einer grundsätz-lichen Wende, die das Christentum in die Religionsgeschichte getragen hat, von einer Art Revolution, die jedoch seiner Meinung nach im späteren christlichen Bewusstsein „weitgehend wieder neutralisiert und selten in ihrer ganzen Tragweite erkannt worden ist.“

 

 

„Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ (Mt 9,13)

 

Neuere theologische und exegetische Entwicklungen trieben jedoch die Opferverhaftung immer mehr in die Enge. Argumente gegen die gewohnte Sympathie für das Opfern finden wir bei Ratzinger in seiner „Einführung in das Christentum“. Sie werden später neben anderen Theologen von Georg Baudler in  „Töten oder Lieben“ aufgegriffen und weiter ausgeführt. Im Blick auf das Töten und Opfern von Menschen, z.B. von Erstgeborenen, von Tieren, von Stieren, Böcken und Lämmern und der Vernichtung von Sachen wird schon bei den Propheten gesagt: Hört auf, Lebensmöglichkeiten (tierische und pflanzliche) zu zerstören, hört auf, Rinder zu verbrennen und das Blut der Stiere zu vergießen oder Weihrauch und Gewürzopfer darzubringen. Jesaja, Jeremia, Hosea, Amos und Micha stehen für einen Gotteswillen, der lautet: „Liebe will ich, nicht Schlachtopfer“ (Hos 6,6). Dieser Gotteswille scheint dann auch wieder in Mt 9,13 als Wort Jesu auf: „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“.

 

 

Opfern als verbotene Zerstörung von Lebensmöglichkeiten

 

Eine kultivierte Reflexion der Opferideologie wagt es, zu sagen: Es ist eine Beleidigung Gottes, seine Gaben an die Menschen, die das Leben erfüllter und angenehmer machen sollen, zu vernichten, statt sie dankbar zu genießen. Der Mensch kann nicht über sich selbst und seine Welt frei und rückhaltlos verfügen. Das gilt für die anthropologischen Grundkonstanten und die wesentlichen Existentiale des Menschen genauso wie für Dinge und Sachen. „Jeder freiwillige, d.h. vom Menschen souverän und frei verfügte Verzicht auf Leben und Lebensmöglichkeiten ist eine Missachtung und Beleidigung dessen, der dieses Leben schenkt“, formuliert Baudler. Statt sich auf das „Abtöten“, d.h. das Vermeiden von Fehlern zu konzentrieren, schießt man weit über das Ziel hinaus. Das Leben selbst und seine Bausteine werden durch wirre Abtötungsprogramme bis ins Mark getroffen.

 

 

Unglaubliche Entgleisungen

 

Man kann es sich heute kaum mehr vorstellen, man muss es aber schon wissen, was man noch vor gut 50 Jahren in sich hineingesogen hat. Förderung der mentalen und psychischen Hygiene hat sicher nicht stattgefunden, wenn ich im Kreuzweg, der in meiner Kindheit gebetet wurde, x-mal mitgebetet habe: „Gott, schneide, brenne, kreuzige mich in diesem Leben, wie Du willst, auf dass Du mich in der Ewigkeit verschonest“. Das heißt nichts anderes als „Gott, tu mit mir, was du willst, auch alles Böse“. „Nimm mir mich, meine Geschlechtlichkeit, meine Beziehungsfähigkeit, mein Denken, meinen Willen, wenn es so sein soll“. Die Gebets- und religiöse Gesangswelt meiner Kindheit und Jugend war voll von Selbsthingabe, Selbstaufopferung, Selbstverleugnung, Abtötung, Verleugnung der Welt – war voll von Kraft- und Gewaltakten gegen die menschliche Grundausstattung. Und das Ganze war auch noch faszinierend. Einer meiner besten Freunde wollte immer ein Märtyrer werden. Und in der Buchveröffentlichung von Michael Albus über Rupert Neudeck  (Titel: „Man muss etwas riskieren“) lese ich gerade, was Rupert Neudeck selbst als ehemaliger Jesuitennovize „aus freien Stücken“ noch vor einem halben Jahrhundert mitgemacht hat: „Wir haben Bußgürtel und Geißeln gehabt, es war ziemlich grauslich, nachträglich gesehen. Aber ich habe das alles mitgemacht, weil ich dachte, das ist gut, das ist ein toller Weg und ich komme da als Heiliger raus, wenn ich das geschafft habe … Dies durchzuhalten bedeutet für einen Jesuiten etwas Tolles“. Und er fügt eine für den nächsten Absatz wichtige Bemerkung hinzu: „Die Jesuiten-Ingroup war von Stolz geprägt.“ Eine weitere Kommentierung dieser Selbstzerstörung erübrigt sich.

 

 

Opfern als Frevel und Anmaßung

 

Der obige Satz „Die Jesuiten-Ingroup war von Stolz geprägt“ führt direkt zu einem zentralen Aspekt von Hingabe und Opfer. Der Mensch erlangt dadurch Größe. Baudler schreibt dazu: Der Mensch richtet sich selbst „zu göttlicher Größe auf, er maßt sich an, die Dinge, mit denen er umgeht, sein Leben und das, was es wertvoll macht, als Eigentum zu besitzen und so von dem, was er hat, Gott etwas geben zu können, während doch alles ihm von Gott geschenkt ist. Wo der Mensch Gott etwas geben will, versucht er selbst, wie Gott zu sein und sich in diesem Geben und Nehmen eigenmächtig zum Partner Gottes zu erhöhen. Der Mensch soll … dankbar empfangen und nehmen.“ Wir sind keine Geschäftspartner mit Gott. Die Haltung des Opfernden ist anmaßend, in sich schlecht und gottwidrig, so Baudler – eine Feststellung  die sich gut an Ratzinger anschließt. Ich zitiere Baudler weiter: „Es ist die Haltung dessen, der sich anmaßt, Leben und Lebensmöglichkeiten, unabhängig vom Geber aller Gaben in eigener Verfügungsgewalt zu haben und sie deshalb diesem ursprünglichen Geber als Gabe darbringen zu können. Er reißt zuerst das, was er als Geschenk und Leihgabe von seinem Schöpfer in die Hand gelegt bekam, gewaltsam an sich, um es dann in großartiger Geste wieder diesem Schöpfer ‚aufzuopfern’ ... In solchem Verzicht und Opfer bricht der Mensch aus der Endlichkeit und Geschöpflichkeit seines Daseins aus und bäumt sich, wie subtil auch immer, zu göttlicher Größe auf.“ Die Schlussfolgerung kann darum nur lauten: „Wer anerkennt, dass `dem Herrn die Erde gehört und was sie erfüllt, der Erdkreis und seine Bewohner’ (Ps 24,1), der kann nicht etwas von dem, was Gott gehört, an sich reißen und diesem Gott als Opfergabe spenden“. So nimmt es auch nicht Wunder, dass, wie Ratzinger und Baudler ausführen, Opfern bei den alten Propheten als Frevel bezeichnet wird. Denn schließlich ist und bleibt alles, was ist, das Eigene Gottes und Gabe für mich.

 

 

Opfern und menschliche Selbstverständlichkeiten

 

Dazu nur ein kurzer Hinweis: Selbstverständlichkeiten sind keine Opfer. Sorge für die Familie, saubere Arbeit im Beruf, Weltverant-wortung sind menschliche Selbstverständlichkeiten. Auch Verzicht auf eine Bindung um des Himmelreiches willen ist kein Opfer, sondern für den wirklich  Berufenen eine Selbstverständlichkeit.

 

 

Zusammenfassung

 

Was ich bisher zum Thema Opfern ausgeführt habe, ist heute vielfach gedankliches Allgemeingut und beeindruckt durch seine Logik. Gott will, dass wir einfache und normale Menschen bleiben und nicht die Usurpatoren und Besitzer des Lebens spielen. Er will nicht, dass wir Lebensmöglichkeiten zerstören, er will Barmherzigkeit und nicht Opfer. Er liebt uns ohne diese zerstörerischen, wenn auch noch so lieben und gut gemeinten Opferleistungen. Die Kombination von Zerstörungsgewalt und Liebe bzw. von Arroganz und Liebe schadet jeder psychischen und mentalen Hygiene.

 

 

 

„Er nahm uns die Opfersachen aus der Hand“ – Die Sache hat nicht nur einen Haken

 

Das Opferdenken bleibt uns erhalten. Die Opferbefürworter geben sich nur schwer geschlagen. Ich habe oben aus dem Zitat von Joseph Ratzinger nur den ersten Halbsatz angeführt, der so annehmbar klingt: „Er (Jesus) nahm den Menschen die Opfersachen aus der Hand“. Den zweiten Halbsatz habe ich wohlweislich zurückgehalten, weil er eine sonderbare Argumentation beinhaltet: Der, der uns die Opfersachen aus der Hand genommen hat, - Jesus - ersetzt laut zweitem Halbsatz die bisherigen Opfer: Jesus „setzte an ihre Stelle die geopferte Persönlichkeit, sein eigenes Ich“, formuliert Joseph Ratzinger. Mit dieser Antwort soll ein Problem gelöst werden, wobei die Lösung selbst wieder neue und noch größere Probleme schafft. Eine solche Antwort kann man nur als Scheinargument verstehen, um einen Abschluss einer Debatte zu erzielen bzw. um eine Gruppe der ewig Gestrigen zufrieden zu stellen. Ich verzichte hier, auf dieses heftig diskutierte Scheinargument genauer einzugehen. Anscheinend kam man in der Theologie der Anfänge des Christentums um das Opferdenken nicht herum. Dabei ist es nicht übersehbar: Eine Opfertheorie, bei der jetzt alles auf Jesu „Opfer“ hinausläuft, wirkt so aufgesetzt und so künstlich. Denn Jesus hat sich nicht geopfert. Er war gehorsam, einfach gehorsam, gehorsam den Umständen des Lebens gegenüber, wie sie dauernd an der Tagesordnung sind. Er war genauso den Bedingungen des Lebens ausgesetzt wie wir alle. Das Besondere an Jesus besteht darin: Er konkretisierte innerhalb dieser Bedingungen eine „Liebe, von der gesagt ist, dass sie bis zum Äußersten reicht“ (Joseph Ratzinger sehr eindrucksvoll an einer anderen Stelle). Genügt es denn nicht, sich an zahlreiche Kirchenväter zu halten, die von nichts anderem als nur vom Vorbildcharakter des Sterbens Jesu sprechen? Eine hartnäckige Opfertheologie ist und bleibt das „Kreuz“ innerhalb des christlichen Glaubens. Wie viel Ungenaues, wie viel Wirrwarr ist hier immer noch angesiedelt! Uralte Verhaltensfelder, unreflektierte Muster bleiben weiterhin der geistige Nährboden für einen überholten Lebenstypus.

 

Einen weiteren Haken anzusprechen ist mir ein noch größeres Anliegen. Ich  greife noch einmal den Satz auf: „Er (Jesus) nahm den Menschen die Opfersachen aus der Hand“. Das ist wie gesagt ein starker Satz!  Uns aus der Hand genommen sind Menschenopfer, Tier-opfer, das sinnlose und anmaßende Vernichten, Verbrennen, Verschütten der Gaben Gottes. Das Töten im Namen Gottes ist endlich zu Ende, die Vernichtung von Sachen um uns herum, die Gewaltanwendung nach außen. Hier scheint zunächst alles gut gedacht und gut gesagt zu sein. Verdeckt und versteckt ist nur und bleibt ganz ordentlich unter dem Tisch: Das Selbstopfer des Menschen, die Gewalt gegen sich selber ist weiter erlaubt, mehr noch, wird favorisiert, von höchster Stelle empfohlen, mit dem Nimbus der Heiligen umgeben. Die äußeren Opfer sind uns aus der Hand genommen, das Selbstopfer nicht. Dabei haben wir nach Jesu Willen weder das Recht, äußere Dinge zu opfern noch das Recht, uns selbst.

 

Es läuft aber immer noch anders: Geopfert werden darf weiterhin, so zeigen es sowohl die aktuelle Theologie als auch das Glaubensverständnis der Kirche, die Ganzheit des Menschen, seine soziale Ausrichtung und Einbindung, die Entwicklung seiner Fähigkeiten, sein Denken, seine Geschlechtlichkeit, seine Freiheit, sein Wollen, so vieles, was dem Menschen ganz nahe ist, so viele große und wichtige Gottesgaben. Sich selbst darf man weiterhin alles antun. Mit dem Töten hat es ein Ende, mit dem Sich-Abtöten nicht. Jeder versteht, welche Art von Askese ich meine. In der Selbsthingabe taucht alles Frühere wieder auf und behält seine Legitimität, nämlich Gewalttätigkeit, Stolz und Imponiergehabe des Menschen. Wir verfügen weiter, es geht weiter so wie bisher, nur ein bisschen versteckt, ein bisschen verschoben. Ausgeblendet wird: Gott hat uns eine großartige Schöpfung und hervorragende Begabungen geschenkt. Und  Jesus hat uns in Bezug auf die Handhabung der Schöpfung und unserer Ausstattung gute Umgangsformen vorgemacht bzw. beige-bracht. Diese kreisen um die Worte Barmherzigkeit, Liebe, Bezie-hung, Leben, Fülle, nicht um die Worte Abtöten, Opfer und Verzicht.  Steht Letzteres auf der Agenda, bekommt der Glaube wieder eine solche Fremdheit, dass er für viele nicht mehr heilend, tröstend, einsichtig und  leuchtend sein kann.

 

Das Thema Selbsthingabe muss im Blick gehalten werden. In Bezug auf die Selbstopferung gilt doch ebenfalls und noch besonders, was Georg Baudler in der Fortführung des Gedankenganges von Joseph Ratzinger 1994 in „Töten oder Lieben“ geschrieben hat: „Von sich aus verfügt der Mensch über nichts, auch sein nacktes Leben ist immer schon die Gabe seines Gottes. Es bleibt ihm nur das „Opfer des Lobes“ (Ps 50,14), der Dank und Lobpreis an den, der aus überströmender Liebe gibt, ohne vom Empfänger der Gabe etwas Entsprechendes zurückzuerhalten.“

 

Solche Aussagen decken sich exakt mit den Gedanken von Joseph Ratzinger, wenn er ausführt: „Wir verherrlichen Gott nicht, indem wir ihm vermeintlich aus dem Eigenen geben – als ob es nicht immer schon das Seinige wäre! -, sondern indem wir uns das Seinige schenken lassen und ihn darin als den einzigen Herrn anerkennen.“ Und das Seinige sind auch wir samt all unseren Potentialen.

 

 

Die Lage ist und bleibt verwirrend

 

In den bisherigen Darlegungen konnte man sehen, wie verwirrend der Begriff des Opferns ist. Man sollte ihn eigentlich ganz streichen. Es spricht vieles dafür, dass eine Humanisierung dieses Begriffes nicht möglich ist. Und selbst Aussagen wie Gott das „Opfer des Lobes“  darbringen oder „Das Handelnlassen Gottes an uns ist das christliche Opfer“ wirken künstlich, unecht und komisch. Hier müssten Theo-logie und wissenschaftliche Anthropologie dafür sorgen, dass über schwammige und unscharfe Begriffe wie Ganzhingabe, ungeteilter Dienst, Verzicht auf eine eigene Existenz, für die Welt sterben, Loslösung von der Welt, „Gott allein genügt“ nicht doch wieder die unglaubliche Macht des Opferns durch die Hintertüre hereinkommt. Im Bereich von Spiritualität und Mystik braucht es eine klare Begrifflichkeit, klare Unterscheidungen und viele empirisch gestützte Daten. Ratzingers Aussage „Jesus nahm uns die Opfersachen aus der Hand“  muss zu Ende gedacht werden. Denn auch das Spielen mit dem eigenen Leben als Opfersache muss uns aus der Hand genommen werden. Es gibt keine freie und rücksichtslose Verfügung über uns, und vor allem darf nicht sein, dass man bereits gibt und opfert, was man vorher weder genommen noch verstanden hat.

 

 

 

Ein anderes Orientierungsmuster – Eine Kultur des Nehmens

 

Mit der „Kultur“ des Opferns sind Irrwege, Abwege, Umwege und Schleichwege verbunden. Eine Abkehr musste und muss immer noch weite und oft dramatische Wege gehen. Ich konnte meinen Glauben zumindest im Ansatz von der Verflechtung mit dem spirituellen Fehlprogramm des Opferns ablösen. Keine kirchliche Instanz hat mir früher den Kopf zurecht gerückt. Mein Ausweg aus dem Opferdenken, mein eigener Lösungsvorgang war auch alles andere als eine Kopfentscheidung. Körper und Seele haben eines Tages mit meinem Opferverhalten nicht länger mitgespielt. Ich habe jedoch die Logik, den Zusammenhang meines Schicksals sowohl mit dem frühen Opfer meines Lebens als auch mit meiner Familiengeschichte nicht verstanden. lange nicht verstanden. Es musste erst schlimm kommen, um mich umzuorientieren.

 

 

Die christliche Grundorientierung

 

Heute lasse ich mich  von folgendem Gedankengang leiten: Wenn die christliche Grundorientierung nach Joseph Ratzinger darin besteht, Gott an uns handeln und dieses Handeln in unserem Leben in Erscheinung treten zu lassen, dann steht am Beginn jeden Lebens, am Anfang jeder Kommunikation mit dem Leben das Empfangen der göttlichen Gaben und das Nehmen.  „Gott kommt zum Menschen, um zu geben“, sagt Ratzinger. Ich habe kein Dasein aus mir. Ich empfange es. Gott gibt mir eine Welt, er gibt mir ein Leben, er gibt mich mir. Was das heißt, muss man sich zuerst logisch auslegen bzw. klar machen. Ich bin mir von anderswoher gegeben. Auf meiner Seite ist jetzt „Nehmen“ das Grundwort. Meine Grundposition heißt Entgegennehmen. Und vor allem: Ich mich! Ich bin mir selber geschenkt. Nur auf dem „Nehmen“ als Ausgangspunkt kann sich ein spiritueller Weg etablieren.

 

Dieses Grundmuster zeigt sich besonders im Leben eines Kindes, zieht sich dann aber auch durch unser ganzes späteres Leben hindurch. Das Kind darf nehmen, es darf am Leben teilnehmen, wie es ist, es darf nach dem Leben ausgreifen, immer mehr sich selbst begreifen. Es darf vor allem nach denen greifen, die sein Leben mitkonstituiert haben. Ein Geschenk, eine Gabe ist vorgängig, etwas, was später Schritt für Schritt zur Aufgabe wird.

 

 

Eine alternative Kultur

 

Vom Grundwort, von der Grundposition „Nehmen“ her baut sich nun eine im Gegensatz zum Schlüsselbegriff „Opfern“ stehende alternative Kultur auf, eine Annahme-Kultur mit dem  Basso Continuo „Gott, ich nehme, ich danke Dir, lobe und preise Dich und mache was draus“. Das ist eine ganz andere Melodie, die eine den Opfergedanken übersteigende, ja ausschließende Kultur bedeutet. Jetzt lautet die Grundnotierung nicht mehr Verfügung über, nicht mehr Instrumentalisierung der Schöpfung und - ganz wichtig - meiner selbst, sondern Geschenk, Gabe, Gnade.  Nehmen dürfen ist ein würdigerer Ausgangspunkt des Lebens als von vorneherein belangt zu werden und Interessen dienen zu müssen. Bei solcher Präferenz, wenn Gott und das Leben sich in erster Linie gewährend zeigen, kann der Opfergedanke nicht mithalten. Nehmen als Grundmuster atmet nicht mehr den dumpfen Geist der archaischen Opferriten, der Zerstörung, des Abtötens und der Hingabe, sondern die Luft eines liebenden Gottes, der als Höhepunkt der Schöpfung mich mir selber schenkt. Hier kann man nur mit ungeschminktem Lob und Dank antworten. Darum passt es mir auch nicht, wenn dieses Empfangen und mein Loben und Danken wieder als das wahre christliche Opfer verwässert und wenn weiterhin vom „Opfer des Lobes“,vom  „Opfer des Dankes“ oder vom „Opfer des Handelnlassens Gottes an uns“ als christlichem Opfer gesprochen wird. Da beißt sich etwas! Und was sich beißt, schadet unserer so notwendigen psychischen und geistigen Hygiene.

 

Zu unserem Basso Continuo gehört natürlich auch unsere Ausrichtung auf etwas hin: Etwas aus dem Empfangen machen als schöpferische Tätigkeit, wozu beides gehört: etwas anpacken, gestalten, vorantreiben, aber auch etwas sein lassen, die Finger lassen, sich verweigern. Nehmen und was daraus machen, vor allem auch das Genommene weiter zu geben, ist neben Lob und Dank die einzig würdige Kompensation des großen Nehmens. Gott etwas zurück-zugeben, ist keine Option. Er braucht nichts. Er braucht auch uns nicht. Das uns Gegebene ist für die Erde gedacht.

 

 

Die tägliche Praxis

 

Wie schaut nun diese Grundposition „Nehmen“  für mich praktisch aus? Etwa so: Ich halte am Morgen die Hände vor mich hin, halte sie nach oben offen und bete ein Grundgebet mit etwa folgendem formalen Gerüst: „Guter Gott, egal wie ich heute da bin: Ich nehme an, was dieser Tag bringt und mache was draus.“ Fein hingehört und gut abgeklärt bete ich nicht mehr in einer Größenmanier:  „Gott, ich opfere Dir diesen Tag“, sondern „Ich nehme von Dir diesen Tag mit allem Drum und Dran.“  Oder: „Ich nehme von Dir dieses faszinierende, geheimnisvolle und oft so schreckliche Leben“ bzw. „Ich nehme mich so, wie Du mich geschaffen hast, mit meinem Anfang und mit meinem Ende, mit meinen Möglichkeiten und meinen Grenzen, mit der von Dir gesetzten Ausrichtung meines Lebens, mit seinen Aufgaben, mit seinen Ergebnissen und Frustrationen.“ Natürlich bleibt es nicht bei diesen allgemeinen Begriffen, da wird schon ganz konkret „draufgelegt“. Allein das Hinhalten der Hände und das Nehmen dieser „Auflagen“ sind bereits eine ganz große Entlastung und lassen weder Zeit zum Aufopfern oder Abgeben noch zum Jammern und Protestieren.

 

Der Systemtherapeut Bert Hellinger hat dieses Nehmen generell als Grundmuster des Lebens gesehen und dieses Muster auch sprachlich sehr schön ausgestaltet. Den folgenden Text kann man nicht nur im Blick auf das Leben, im Blick auf unsere Eltern, sondern auch im Blick auf Gott sprechen. Als „Dank am Morgen des Lebens“ widmet Hellinger den Müttern (und Vätern) wunderbare Zeilen.

 

„Liebe Mutter“, formuliert er,

„ich nehme es von dir,

alles, das Ganze,

mit allem Drum und Dran,

und zum vollen Preis, den es dich gekostet hat

und den es mich kostet.                                                                                 

Ich mache etwas daraus, dir zur Freude.

Es soll nicht umsonst gewesen sein.

 

Ich halte es fest und in Ehren,

und wenn ich darf, gebe ich es weiter, so wie du.

Ich nehme dich als meine Mutter,

und du darfst mich haben als dein Kind.

Du bist für mich die Richtige,                                                                   

und ich bin dein richtiges Kind.

Du bist die Große, ich die (der) Kleine.

Du gibst, ich nehme, liebe Mutter.“

 

Die gleiche Würdigung und der gleiche Dank gebühren dann auch dem Vater und den Ahnen.

 

 

Entwicklung einer hohen Schule des Nehmens

 

Doch jetzt zurück zum Nehmen aus der Hand Gottes: Gott darf also auf meine Hand alles Mögliche drauflegen: Die Schönheit und Reinheit der Schöpfung, aber auch die Gebrochenheit und  das von Menschen verunreinigte Leben, er darf mir das Angebot der Lebensweise Jesu und meine Verantwortung für mein Leben zumuten. Er darf mir das große Vorbild, den Lehrer, Helfer und Heiler, den Mann der Freude, den Mann am Kreuz, seinen Mann drauflegen. Er darf drauflegen, was mir gut tut, was mich fordert, was mich aufwühlt, auch was sich furchtbar anfühlt. Wie des „Vaters ewiger Sohn“, „der das Menschsein angenommen“ hat, kann auch ich nehmen, das Positivwertige und das Schwere, beides als Vorgabe, mich zu entfalten.

 

 

Das Kreuz und wie man es verstehen kann

 

Ein Bild aus dem 14. Jahrhundert aus dem Breisgau, genannt „Bernhardsminne“ kann man so deuten, dass der Hl. Bernhard den ihm vom Kreuz her zugewandten Christus an sich ziehen und in den Arm nehmen möchte, um Christus sein Einverständnis mit dem ihm (Bernhard) zugedachten Schicksal zu versichern und dem Betrachter zu bedeuten: „Ich nehme an, was ich nicht ändern kann und gehe damit im Geist dessen um, der mir Vorbild ist.“ Wobei die Gewänder des Schweren sehr verschieden sein können! Man muss nicht wie Jesus gekreuzigt werden oder sich selber ans Kreuz schlagen lassen.

 

So lasse ich mir immer wieder auch meine Lebensgeschichte auf meine Hände legen. Es war nicht leicht für mich, anzunehmen, dass ich in dieser Kirche nicht als Priester und Seelsorger alt werden konnte. Ich kann aber auch annehmen, dass durch diesen Bruch viel Neues und Gutes für mich und für viele Menschen entstanden ist.

 

Aus dem selbstverständlichen Gehorsam dem vielseitigen Leben gegenüber kann dann die Kraft erwachsen, auch die Übermächtigkeit des Todes anzuerkennen und anzunehmen. Und dies aus einem Vertrauen, dass Geben und Nehmen mit dem Tod nicht endet.

 

 

Schlusswort

 

Der spirituelle Schriftsteller Gotthard Fuchs, den ich abschließend noch bemühe, macht in einem Beitrag zum Thema „Mystik im Alltag“ Mut, unverwechselbar „Ich“ zu sagen und das Abenteuer einer eigenen Biografie zu riskieren. Diese Ermutigung gilt auch in Bezug auf Inhalte und Hygiene religiösen Gedankengutes und der einschlägigen Begrifflichkeit. Ich habe Letzteres hier thematisiert, indem ich „Nehmen“ als religiösen Schlüsselbegriff vom Begriff des „Opferns“ absetzte. Es war nicht einfach, ein zentrales religiöses Problem kritisch zu betrachten und dagegen zu argumentieren. Aber ich glaube zutiefst an einen, der grundsätzlich „den Menschen die Opfersachen aus der Hand“ nahm, insbesondere auch die, bei denen man sich selbst rücksichtslos zur Sache machen kann.

 

Ein Letztes: Man müsste eigentlich den Satz von Joseph Ratzinger neu formulieren und begründet nachweisen, dass Jesus weder selbst Opfersachen in die Hand genommen hat noch dass sich bei ihm Ansätze für eine Opfertheologie finden lassen. Jesus wollte Gehorsam, d.h. Aufmerksamkeit Gott gegenüber, mitmenschliches Hinhören und mitmenschliche Barmherzigkeit, nicht Opfer. Er selbst hat sich nicht geopfert. Er hat sich Gott zuliebe und um seinen Willen zu erfüllen auch nicht zur Sache gemacht. Er wurde umgebracht, er wurde geopfert, er wurde zur Sache gemacht, „weil er“ – optimal formuliert –  „die Bergpredigt war“. Eine Antwort, wie sie treffender nicht sein kann! Und für jedermann verständlich!

 

 

Literatur

 

Georg Baudler, Erlösung vom Stiergott, Kösel-Verlag 1989

Georg Baudler, Töten oder Lieben, Kösel-Verlag 1994

Bert Hellinger, Die Mitte fühlt sich leicht an, Kösel-Verlag 2003

Joseph Ratzinger, Einführung in das Christentum, Kösel-Verlag 1968

Rudolf Schnackenburg, Glaubensimpulse aus dem Neuen Testament, Düsseldorf 1973